Zusammenfassung

In einer Methodenkombination aus thematischer Kinderzeichnung und fokussiertem, episodischem Interview am Bild wurden im Zeitraum von 1998 bis 2000 395 Kinder gebeten, je drei Bilder - eines zum Klassenzimmerunterricht, eines zum Pausenhof und eines zum Sportunterricht - zu malen. Das methodische Vorgehen zur Datenerhebung basiert auf einer Adaption des klassischen „Drei-Wünsche-frei“-Schemas. Von diesen Kindern wurden je 32 Mädchen und Jungen interviewt. Die Stichprobe setzt sich aus Zweit- bis Sechstklässlern aus verschieden großen Orten in verschiedenen Regionen Bayerns zusammen. Bilder und Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.

  • Bewegung und Spiel im Klassenzimmerunterricht bedeutet für die Kinder vor allem Bewegungs-, Spiel- und Entspannungspausen, Bewegungsfreiheit am Arbeitsplatz (am liebsten auf einem Sitzball), Bewegtes Lernen, aber auch Arbeiten und Spielen am Computer. Das Ganze spielt sich in schönen, wohnlich gestalteten Klassenzimmern ab oder aber in ausgeklügelten Raumkonzepten, in denen Lern- und Bewegungszonen kombiniert oder integriert werden, wo es Bewegungslandschaften oder unmittelbar angrenzende Bewegungsräume gibt, wo das Klassenzimmer in den Sportplatz eingebaut oder einfach „im Freien“ - auf der Wiese, im Hof, im Wald oder sogar im „Dschungel“ - ist.
  • Bewegung, Spiel und Sport auf dem Pausenhof bedeutet für die Kinder vor allem Spielen mit Bällen (Fußball, Basketball, Tischtennis, aber auch ohne sportlichen Bezug), Klettern, Schaukeln, Hüpfspiele machen, Skaten, Rennen und Fangen, aber auch Ausruhen. Der Pausenhof selbst soll am liebsten als Spielplatz oder vielfältiger Bewegungs- und Spielraum gestaltet sein, einen Sportplatz oder Sportspielfelder aufweisen, daneben soll es eine Naturparklandschaft, eine Fahrbahn und im Sommer vielleicht auch einen Pool geben. Wenn möglich, soll der Pausenhof verschiedene Zonen haben.
  • Bewegung, Spiel und Sport im Sportunterricht bedeutet für die Kinder vor allem Fußball, Basketball, Schaukelringeturnen, Schwimmen und Wasserspringen, Trampolinspringen, Kletterparcoursturnen, wo man auch wie Tarzan schwingen kann, und Inline-Skating. Dabei geht es den Kindern darum, etwas zu lernen - und sie fordern dafür Zeit zum Üben. Der Unterricht soll so organisiert sein, dass es wenige Stehzeiten gibt und alles möglichst sicher ist. Unter sozialen Gesichtspunkten gibt es Argumente für und gegen Koedukation, wichtig ist den Kindern jedoch, dass alle Kinder etwas lernen und Spaß am Unterricht haben.
  • Unter einer Bewegten Schule stellen sich Kinder eine Schule vor, in der man sich mehr bewegt, in der es mehr Sport gibt, in der Lernen und Bewegen verknüpft werden, in die man gern geht, auf die man sich morgens freut, in der man viel erlebt und sich frei fühlt. In einer Bewegten Schule sind die Lehrkräfte nett, verständnisvoll, räumen den Kinder Selbstbestimmungsmöglichkeiten ein und bewegen sich selbst auch gern. Zum Spaß in der Schule gehört Abwechslung, Spielen und Lachen, Spannung, Freude, Lernen und Können. Schule bedeutet aber auch, nicht nur an Spaß zu denken.

 

An übergreifenden Wunschvorstellungen können wir aus den Äußerungen der Kinder „mehr Platz“, „mehr-öfter-länger“, „viele verschiedene Sachen“ und „selbst bestimmen“ herausfiltern.

  • Mehr Platz bedeutet, dass alles weit und groß ist, man für alles mehr Platz hat und sich nicht eingeengt fühlt. Die Klassenzimmer, der Pausenhof und die Turnhallen sind viel größer und die Klassen sind kleiner, d.h. es gibt weniger Kinder pro Klasse. Verbunden mit diesem Mehr an Raum ist auch mehr „Freiraum“.
  • Mehr-öfter-länger bedeutet, dass die Kinder sich mehr von den Geräten wünschen, die sie gern haben, z.B. mehr Sitzbälle. Oder, dass sie gern länger Pause hätten, damit sie besser spielen können oder überhaupt neben dem Essen und Trinken noch zum Spielen kommen. Ein Kind schlägt als Ausgleich für längere Pausenzeiten vor, den Schultag zu verlängern. Andere würden z.B. gern öfter ins Schwimmbad gehen, weil man da so viele verschiedene Sachen machen kann.
  • Ja: viele verschiedene Sachen wünschen sich die Kinder. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie dauernd etwas Neues brauchen. Im Gegenteil: sie bedauern, zu wenig Zeit zum Üben zu haben. Viele verschiedene Sachen brauchen die Kinder, weil sie so viel kennen lernen und lernen wollen, weil sie es können wollen.
  • Dazu wäre es gut, wenn sie auch einmal selbst bestimmen dürften, was sie machen - ein häufig geäußerter Wunsch, wenn es um die Frage nach dem Inhalt oder nach der Gestaltung des Inhalts geht.

 

Zur Erfassung der Ziele, die die Kinder mit ihren Wünschen und Vorstellungen verbinden, lassen sich fünf Kategorien bilden.

  • Weil es Spaß macht, anstrengend ist, wie Fliegen ist, weil ich es können will: Diese Hauptkategorie besteht aus Aspekten, die unmittelbar mit der Aktivität verbunden sind oder durch die Aktivität angestrebt und erreicht werden. Spaß ist das Top-Argument der Kinder für ihre Wünsche. Diese Meta-Kategorie ist vielschichtig gefüllt. Unmittelbar damit verbunden sind sog. Tätigkeitsanreize, wobei der Anspruch, den die Aktivität mit sich bringt - wenn sie z.B. anstrengend ist -, einen besonderen Anreiz darstellt. Aktivitäten bringen aber auch Eindrücke mit sich - wie Fliegen -, die durch nichts anderes zu erleben und damit unersetzlich sind. Schließlich möchten Kinder das, was sie in solchen Zusammenhängen (kennen) lernen, auch können. Es geht ihnen also nicht (nur) um leichtgängiges, kurzfristiges Spaßerleben. Sie wollen es können und dafür brauchen sie Zeit zum Üben.
  • Sich besser fühlen, gesund bleiben: Dieses Ziel bzw. dieser Begründungsansatz steckt in allen schulischen Handlungsfeldern. Bewegungspausen im Klassenzimmer bringen Wohlbefinden mit sich, wenn man sich auf dem Pausenhof ausgetobt hat, fühlt man sich besser, und im Sportunterricht fühlt man sich sowieso besser als überall sonst. Und dann ist es auch noch gesund, wenn man sich bewegt, denn dann wird man nicht dick und man ist auch nicht so schlapp - später mal.
  • Mit allen, mehreren, vielen, mit Freunden sein: Bewegungs-, Spiel- und Sportaktivitäten bringen soziale Kontakte mit sich, und diese Begegnungen lösen Freude aus. Die meisten Kinder bewegen sich gern mit anderen, nicht nur, aber besonders gern mit ihren Freunden, viele lieben es, wenn es mehrere oder viele oder sogar alle sind, die mitmachen können - in einem Fußballspiel oder auf dem Trampolin, wo alle auf einmal drauf springen können. Einige Kinder sagen sogar, ihnen mache der Sport in der Schule mehr Spaß als in der Freizeit, weil sie in der Schule viel mehr Kinder träfen und Freunde hätten.
  • Lieber, leichter, besser lernen: Bewegung, Spiel und Sport fördern die Lernbereitschaft der Kinder. Viele Kinder beklagen, dass die Konzentrationsphasen so lang sind, dass es ihnen langweilig wird und sie die Lust am Arbeiten verlieren. Das Lernen geht ihrer Ansicht nach auch leichter, wenn man sich zwischendurch bewegen kann. Denn dann ist der Kopf wieder frei und man kann sich wieder besser konzentrieren.
  • Sich auf die Schule freuen, gern in die Schule gehen: Bewegung, Spiel und Sport in der Schule wirken sich für Kinder so aus, dass sie gern in die Schule gehen, um dort zu lernen. Ein Kind meint, es würde sich jeden Tag auf die Schule freuen, wenn es dort auf einem Sitzball sitzen könnte. Ein anderes freut sich auf die Klettergeräte auf dem Pausenhof. Überhaupt versprechen sich die Kinder von mehr Bewegung in der Schule, dass die Schule „einfach besser“ wird.

 

Wie sehen Kinder die Vermittlerrolle der Lehrkraft im Hinblick auf Bewegung, Spiel und Sport in der Schule? Hier lassen sich folgende Ansprüche an ihre Haltung und an ihr Handeln beschreiben:

  • Aus Kindersicht soll die Haltung der Lehrkraft dadurch charakterisiert sein, dass sie die Kinder versteht, nett und fröhlich, nicht launisch und nicht zu streng ist.
  • Das Handeln der Lehrkraft charakterisieren die Kinder mit verschiedenen Kompetenzen und Verhaltensweisen. Im Klassenzimmer soll die Lehrkraft vor- und mitmachen, die Kinder unterstützen und motivieren, auf dem Pausenhof soll sie aufpassen, dass nichts passiert und helfen, wenn etwas passiert ist. Sie soll, wenn es erforderlich ist, mahnen, schimpfen und bestrafen. Sie soll eingreifen, Konflikte verhindern und Streit schlichten, wenn die Kinder dies allein nicht schaffen. Dafür sollte es auch mehr Lehrkräfte geben. Die Lehrkraft soll organisieren, beraten, Tipps geben und „Anführer“ sein, „Schiedsrichter“ sein und manchmal auch mitspielen. Im Sportunterricht soll die Lehrkraft beobachten, organisieren, vermitteln, helfen und sichern, Schiedsrichtertätigkeit übernehmen und motivieren sowie ggf. mahnen und verbieten können. Übergreifend betrachtet, soll die Lehrkraft die Kinder auch lassen können, und zwar in dem Sinne, dass sie den Kindern Mitbestimmungsmöglichkeiten einräumt und Freiräume für selbstbestimmtes Sich-Bewegen gibt.